Hintergrund - warum schreibt man über Flucht und Fluchthilfe

Beweggründe

Ich war selbst Fluchthelfer und habe von 1961 bis 1970, zusammen mit meinen Freunden, etwa 650 Bürger der DDR in den Westen geholt, vor allem mit Pässen, aber auch mit einigen umgebauten Autos und über einen freiheitsliebenden französischen Alliierten-Soldaten. „Nebenbei“ habe ich an der FU, der Freien Universität in West-Berlin, Medizin studiert, habe nach dem Staatsexamen in Berlin hier auch als Mediziner gearbeitet, bis ich 1969 nach Hannover zog, weil meine Frau nach der Geburt unseres ersten Kindes Angst vor einer Entführung hatte (davor war ich bei zwei Entführungsversuchen der Stasi ohne Schaden davongekommen).

Warum ich meine Freiheit und z.T. mein Leben riskiert habe, um unseren Landsleuten zu helfen, obwohl ich als Schwabe keinerlei persönlichen Bindungen an die DDR hatte, hängt vor allem wohl damit zusammen, dass Freiheit für mich absolut wichtig ist, die Freiheit zu denken und zu reden, was ich will, und die Freiheit, Einiges von dem auch in die Tat umsetzen zu können. Deshalb komme ich nach einem Leben als engagierter Orthopäde in eigener Praxis und als EDV-Entwickler in Stuttgart, als intensiver Hobby-Musiker (Geige und Bratsche), als Ehemann, Vater von drei Kindern nach meiner Scheidung und meiner Berentung zurück auf „mein“ Thema: Freiheit! Aus diesem Grund bin ich 2007 wieder nach Berlin gezogen, um über Flucht und Fluchthilfe, über Stasi und Spitzel zu schreiben.

Dabei möchte ich beleuten, wie die Menschen aus Ost und West auf den Bau der Mauer reagiert und welche Wege in die Freiheit sie gesucht haben. Ich möchte festhalten, was uns damals bewegt hat, und ich möchte über den Idealismus und das Engagement vieler Menschen in Ost und West berichten, über den Mut vieler Flüchtlinge, sich auf ein so gefährliches Unterfangen einzulassen, bei dem über 138 Menschen bei selbst geplanten Fluchtversuchen allein in Berlin den Tod gefunden haben. Auch die Unterschiede der Systeme, die in Berlin konkurrierten, und das Unrecht der SED-Diktatur und der Stasi sollen beschrieben werden.

Dazu habe ich ca. 100 Interviews geführt mit Flüchtlingen, Fluchthelfern und Spitzeln. Und ich habe mich informiert über die Geschichte der beiden deutschen Staaten seit der Teilung Deutschlands 1945. Daraus ist ein Bild entstanden, das sehr viele Facetten hat. Mein Buch „Wege durch die Mauer – Fluchthilfe und Stasi zwischen Ost und West“ musste deshalb notwendigerweise etwas größer und dicker ausfallen. Dabei haben meine Freunde, vor allem viele andere Fluchthelfer und auch viele Flüchtlinge, aktiv mitgearbeitet.

Als „Vorläufer“ habe ich im Sommer 2010 ein Buch von und über Uwe Johnson, „Ich wollte keine Frage ausgelassen haben“, bei Suhrkamp herausgegeben. Wir haben im Frühjahr 1962 seine spätere Frau „herausgeholt“, in den Westen gebracht, und dazu gab es noch Tonbandaufnahmen von Uwe Johnson, die bisher nicht veröffentlicht waren.

Seit 2011 ist mein Buch über die Geschichte von Flucht und Fluchthilfe auf dem Büchermarkt (auch über meine eigene Fluchthilfe, über die Spitzel der Stasi und deren Aktivitäten gegen uns). Ich hoffe, dass es viele Leser findet, die sich ebenfalls mit diesen Themen auseinandersetzen wollen!

Hoffnung

Die Internetseite fluchthilfe.de soll eine wichtige Funktion erfüllen: Ich habe noch Kontakt zu vielen ehemaligen Mitarbeitern. Genau so viele andere sind aber aus meinem Blickfeld verschwunden, und erst recht sehr viele Flüchtlinge, die wir ja damals nur herübergeholt haben, ohne ihren weiteren Lebensweg zu verfolgen. Ich würde mich sehr freuen, wenn sich ganz viele Betroffene und Interessierte auf diesem Weg bei mir melden würden: E-Mail: info@fluchthilfe.de

  • z.B. Marlis Krüger aus dem Studentendorf, Haus 23/203, die mir psychisch und als Helferin so viel geholfen hat;oder
  • Heinke Bosch aus Laasphe; oder
  • Horst T., geb. 24.11.1936, dessen Flucht-Unterlagen ich noch hier liegen habe; oder
  • Manfred Röhl, der am 10.4.1962 angeblich an der Grenze angeschossen wurde; oder
  • Flüchtlinge, die über die Kanalisation in der Gleimstraße oder in der Esplanade in den Westen kamen; oder
  • Flüchtlinge, die im Frühjahr 1962 und im Herbst 1963 bei den Touren nach Skandinavien verhaftet wurden (diese Verhaftungen gehen auf einen Spitzel zurück; ich habe alle Akten über diesen Spitzel, aber ohne die Namen der Geschädigten); oder
  • alle Flüchtlinge, die heute keinen Kontakt mehr zu ihren Fluchthelfern haben, und das dürften 95% sein; usw.

Dabei brauchen Sie die Aktivitäten der Stasi oder andere Ausforschungen nicht zu befürchten. Wie Sie in meinem Buch sehen, veröffentliche ich im Klartext nur Namen von Zeitzeugen, die das auch wollen. Niemand soll hier vorgeführt oder ausgestellt werden!

Ich würde mich sehr freuen, wenn wir zusammen ein Stück deutscher Geschichte schreiben könnten, das genauso wenig in Vergessenheit geraten darf wie der Widerstand im „Dritten Reich“ oder die Vorbereitung der Wiedervereinigung durch die Sprechchöre „Wir sind das Volk“! Ich freue mich also auf Ihr Lebenszeichen und Ihre Mitarbeit!

Ihr Burkhart Veigel (alias "Schwarzer")